Predigt zur Jahreslosung

Liebe Gemeinde!

Gottes Wohnung bei den Menschen! Die fröhliche Stadt! Eine Menschheit aus vielen Völkern, ein Gott! Keine Trauer, kein Tod, kein Schmerz mehr!

Was für eine Vision!

Johannes soll sie aufschreiben. Er, verbannter und verfolgter Christ im Römischen Reich, der von allem Gehörten genau das Gegenteil erfahren hat.

Die Begründung wird mitgegeben: Ich, hört Johannes die Stimme, ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich mache alles neu. Ich gebe den Durstigen Wasser aus der Quelle des Lebens! Umsonst!

2000 Jahre später hören wir sie heute wieder, diese Vision am Altjahresabend 2025.

Ja, wir hören, aber anders als Johannes sehen wir sie nicht.

Und, ganz im Ernst, wir können sie uns auch nicht wirklich vorstellen.

Und wenn wir sie als schönen Traum, als Utopie, abtun: Was soll sie uns geben, heute am letzten Tag des Jahres, an dem wir im nächsten Jahr alles erwarten, nur nicht das himmlische Jerusalem, das sich wie eine Glocke über die ganze Welt setzen wird!?

 

Vielleicht hilft ein anderer Blick auf die Zeit, liebe Gemeinde. Gottes Zusage wird uns nicht für irgendeine Zukunft gegeben, sondern sie ist präsentisch: Ich mache alles neu!

Die griechische Sprache kennt zwei Wörter für Zeit: Den Chronos und den Kairos.

Unser Zeitverständnis ist vor allem vom Chronos bestimmt. Wir denken chronologisch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Der Kairos ist ein anderes Zeitverständnis: Er ist die wertvolle Jetzt-Zeit, der besondere Moment, diese „Verweile doch, du bist so schön“-Sehnsucht, wie Goethe sie im Faust benennt. Sie ist göttliche Zeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfließen.

Wir kennen das, manches Mal haben wir ihn aufblitzen sehen, den göttlichen Kairos: Beim Anblick des Neugeborenen, im Blick der Liebenden, beim „O du Fröhliche“ am Heiligen Abend. Wenn alle da sind und Zeit füreinander haben. Wenn ein Besuch die Einsamkeit unterbricht. Und auch am Bett eines Sterbenden, wenn sich ein Friede einstellt, wie aus einer anderen Welt. Gleich beim Abendmahl kann sich dieser Moment auch einstellen: Gott in mir, spürbar nahe, wohltuend!

„Ich mache alles neu!“ Es klingt wie eine Selbstvorstellung, liebe Gemeinde. Gott ist ein Veränderer. Gott ist Prozess. Von Anbeginn der Welt ist die Schöpferkraft Gottes am Werk. Alle prophetischen Bücher und unsere jüdisch-christliche Glaubensgeschichte zeugen zudem davon, dass Gott den Menschen dabei mitnimmt in einer ewigen Bewegung des Neuanfangs.

Das soll uns am Jahresende und mit dem Ausblick auf das neue Jahr entlasten, liebe Gemeinde!

Denn viele von uns stehen ja unter enormem Druck. Da ist so einiges, was neu gemacht, verändert, neu justiert werden muss! Wir denken an Familie, Beziehungen, Arbeitsverhältnisse, Gesundheit, ja und natürlich auch an die neue Gemeinde, die wir ab morgen sein werden. Einige von Ihnen haben als Ehrenamtliche viel gearbeitet, geplant, mitgestaltet, damit dieser Übergang gut vorbereitet ist.

Und wie bei allen anderen Lebensbereichen auch, muss manchmal einfach angepackt werden, wenn was gelingen soll. Muss es Mut zu Neuem geben; da verlängern Halbherzigkeiten und Kompromisse nur die Leidenszeit!

Die Erfahrung, dass etwas neu oder schön geworden ist, zieht dann hier und da in kurzen Momenten durchs Herz, nämlich im Kairos: Vielleicht bei der wertschätzenden Predigt zum Fusionsgottesdienst, beim geselligen Brainstorming während des Zukunftstages, bei schönen Begegnungen, die die ehemaligen Gemeindegrenzen vergessen lassen.

Und dann dürfen wir glauben, dass Gott selbst mit seiner neuschaffenden Energie am Werk ist.

Denn Gott sagt nicht: „Alles soll so bleiben wie es ist!“ Sondern: „Siehe, ich mache alles neu! Und ich schenke Momente, in denen ihr das erfahren dürft: Es Zuhause, im Alltag, in der Gemeinde oder unter Freunden spürt: Ja, so ist es gut!

Ich habe keine Angst vor der Zukunft der Kirche, liebe Gemeinde! Sie muss sich verändern, sie wird sich verändern, wie sie es immer schon getan hat. Kirche erneuert sich, solange der lebendige Geist Gottes in ihr wirkt.

Ich möchte auch keine Angst vor der Zukunft der Menschheit und dieser Erde haben. Denn Angst lähmt, und was die Menschheit braucht, sind kräftige, unerschrockene Gemeinschaften und Bewegungen, die den Egomanen und Tyrannen dieser Welt die Stirn bieten.

Möge Gottes erneuernde Kraft alle Bemühungen segnen, die in technischer, digitaler, politischer und sozialer Weise dem Frieden und dem Erhalt des Lebens dienen! Mögen wir in 2026 auch hier und da den Kairos seiner Gegenwart erleben!

Liebe Gemeinde, wie gewohnt haben wir Ihnen die kleinen Taschenkalender mit der Jahreslosung am Eingang ausgeteilt. Sie soll an die Hoffnung erinnern, die mit Gottes Versprechen einhergeht. Für jeden Tag und für jeden Monat im neuen Jahr soll gelten: Siehe! Schau dich um! Nimm dir kurz Zeit für den Augen-Blick, den Kairos, der dich daran erinnern will: Gott ist am Werk. Gott ist da, als Kraft zum Neubeginn. Jetzt und für immer!

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne im Vertrauen auf sein Wort, das uns in Jesus Christus so nahe kommt!

Amen.

 

Die Verfasserin:

Diese Predigt zur Jahrelosung 2026 wurde im letzten Gottesdienst der Matthäusgemeinde am Silvesterabend 2025 vorgetragen.

Pastorin Uta Giesel
Tel.: 05121 867488